Sinsheim. (jw) Vor der Sonntagabend-Partie überreicht Sportbild-Chefredakteur Alexander Steudel den TSG-Geschäftsführern Alexander Rotthaus und Jan Schindelmeiser den Siegerpokal für den „zuschauerfreundlichsten Klub“ der Bundesliga. Stadionsprecher Mike Diehl motiviert die oft als „Vizekusen“ gehänselten Gäste mit seinem gönnerhaften Kommentar: „Der zweite Platz ist ja auch ganz schön!“ Dieser Ansicht schließt sich der ungeschlagene Klassenprimus zu Recht nicht an und holt nach einer meisterlichen zweiten Halbzeit souverän die Tabellenführung von den Bayern zurück.
Zuschauerfreundlich agieren die Hoffenheimer – wie schon beim FC Bayern München - nur im ersten Durchgang. Endlich wieder mit den brasilianischen Gelbfüßlern Luiz Gustavo im defensiven und Carlos Eduardo im offensiven Mittelfeld, scheinen die Hoffenheimer den Fluch der letzten fünf sieglosen Bundesligapartien unbedingt brechen zu wollen. Doch der Rückschlag kommt früh. 10. Minute: Ein Freistoß von Bayer-Komet Toni Kroos segelt anmutig über die in Ehrfurcht erstarrte Hoffenheimer Abwehr hinweg Richtung langen Pfosten. Dort lauert der überragende Finne Sami Hyppiä allein wie ein Eskimo vorm Eisloch und vollstreckt im Stile eines Torjägers zur Gästeführung. Doch die Hoffenheimer lassen sich nicht schocken, diktieren entschlossen das Gesetz des Handelns. Carlos Eduardo, der Mann in den schwarzen Strumpfhosen, spielt Vedad Ibisevic im Strafraum an. Der Bosnier scheitert knapp an Bayer-Keeper René Adler (14.).
Allerdings ist es bezeichnend, dass mit Boris Vukcevic ein Neunzehnjähriger zum besten, weil mutigsten und willensstärksten Hoffenheimer avanciert. Zur Krönung seiner Löwenherz-Leistung hätte nur ein Tor gefehlt. Ganz nah dran ist der Junge in der 28. Minute. Vukcevic, die Lok auf zwei Beinen, jagt Bayer-Kapitän Manuel Friedrich listig und energisch den Ball ab, marschiert allein auf den Adlerhorst zu und schießt knapp am rechten Pfosten vorbei. 33. Minute: Vedad Ibisevic entgrätscht dem nachlässigen Bayer-Keeper den Ball beim Abschlag. Vukcevic tankt sich fulminant durch, strauchelt und trifft daher das leere Tor nicht. Hoffenheim hätte den Ausgleich verdient. Bayer 04 kontert zwar gefährlich, hat aber bis zur Pause nur eine halbe Chance durch den ungewohnt unauffälligen, aber stets klug auflegenden Stefan Kießling.
Im Nacktscanner der zweiten Halbzeit würde bei der Leverkusener Mannschaft auffallen: Hinten Edelmetall (mit Sami Hyppiä und Kapitän Manuel Friedrich in der Innenverteidigung), in der Mitte Dynamit (Tranquillo Barnetta, Toni Kroos) und vorne zwei Giftpfeile (Stephan Kießling, Eren Derdiyok). Hoffenheim hingegen würde den Nacktscanner-Test mangels vergleichbar gefährlich Elementen im Spiel locker überstehen. Unverständlich bleibt allerdings, warum den Hoffenheimer Spielern nach dem Wiederanpfiff des guten Schiedsrichters DenizAytekin aus der Kabine kommen, als hätten ihnen die Pharmaspezialisten von Bayer 04 Valumtabletten verabreicht.
Und so kommt die Totalbetäubung schon sechs Minuten nach der Pause. Auf der rechten Leverkusener Abwehrseite geht der Ex-Freiburger Daniel „Düsentrieb“ Schwaab nach einem Doppelpass auf und davon, flankt präzise in die Mitte. Derdiyok verlängert und Toni Kroos kann völlig ungestört abstauben (51.). Die Fans wollen ihre Blauen nun lautstark „kämpfen sehen“. Vergeblich, so dass in der Rhein-Neckar-Arena – selten genug - Pfiffe gegen die eigene Mannschaft zu hören sind. Allzu bereitwillig scheinen sich die Rangnick-Schüler in ihr Schicksal zu ergeben. Das dritte Tor für die nun in jeder Hinsicht überlegenen Gäste kommt einer Demütigung gleich. Über zahlreiche Stationen hinweg kommt die TSG überhaupt nicht in Ballnähe. Bayer schließt seinen vielgestaltigen Angriff durch den starken Schweizer Natio-nalspieler Tranquillo Barnetta, ab (71.)
1899 Hoffenheim fehlt ein „aggressiver Leader“, wie ihn etwa Bayern München mit Mark van Bommel hat. Der nicht einmal sehr häufig geprüfte Torwart Timo Hildebrand kann es als „Alleinerziehender“ auch nicht richten. Josip Simunic ruht allzu sehr in sich selbst, Kapitän Sejad Salihovic scheint angesichts seiner eigenen chronischen Formschwäche selbst einen Aufbauhelfer zu brauchen. Und dessen Landsmann Vedad Ibisevic hat zwar die nötigen Führungsqualitäten, wird aber in der Hierarchie eben auch an seiner Trefferquote – und nicht an Abseitstoren – gemessen.
Der Unterschied zu Spitzenteams à la Bayern und Bayer zeigt sich jedoch vor allem auf dem Bank-Konto: Während TSG-Coach Ralf Rangnick mit Marco Terrazzino und Manuel Gulde zwei ehemalige B-Jugendmeister (2008) einwechselt, aber für die Bundesliga noch zu grün hinter den Ohren sind, kann Bayer-Trainer Jupp Heynckes sich den Luxus erlauben, seine beiden wiedergenesenen Nationalspieler Simon Rolfes und Patrick Helmes erst in der Schlussphase in die längst entschiedene Partie zu schicken.
Im Dreikampf gegen die Gipfelteams hat Hoffenhein schon zweimal (gegen Bayern und Bayer) verloren. Am nächsten Samstag wartet Felix Magath mit seinen Edel-Knappen von Schalke 04 auf den Tabellen-Neunten aus Hoffenheim.
Joseph Weisbrod |