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Eichners Zaubertor bricht den Bann
























fotos (RICCI): "Oh, wie ist das schön!" intonierten die Hoffenheimer Fans lautstark.


Hoffenheim gegen schwache Nürnberger nicht schön im Spiel, aber perfekt im Abschluss

Sinsheim. Für den FCN-Torwart muss dieses Spiel ein Alptraum gewesen sein. Drei Fernschüsse, alle unhaltbar. Ansonsten hat Raphael Schäfer kaum Stress mit seiner Beziehungskiste. Die Hoffenheimer zeichnen sich weniger durch kollektive spielerische Klasse als durch Effizienz aus und verbuchen drei wichtige Punkte auf dem Konto Nr. 2009/2010. Mit der schwächsten Heimleistung der Saison erwirtschaftet die TSG gegen einen indisponierten Aufsteiger trotzdem einen auch in der Höhe verdienten 3:0-Sieg und schnuppert nun wieder an der Tafelspitze der Bundesliga.

Was immer FCN-Coach Michael Oenning seinen Spielern mit dem Nürnberger Trichter an taktischen Ingredienzien eingeflößt haben mag: Seine Mannschaft kommt in der ganzen Spielzeit nur zweimal gefährlich in Timo Hildebrands verwaistes Revier. Einmal nach einer knappen halben Stunde, als Nürnbergs einzige Sturmspitze Albert Bunjaku im Strafraum von Josip Simunic elfmeterreif, aber ohne die logische Konsequenz von Schiedsrichter Michael Weiner, zu Fall gebracht wird. Und eine Viertelstunde vor dem Abpfiff, als der ansonsten wie mit der Tarnkappe agierende Marek Mintal mit einem Schuss übers Lattenkreuz sein einziges Ausrufezeichen setzt.

Christian Eichners Führungstor „wie Ostern und Weihnachten an einem Tag“

Ein stärkerer Gegner als der Nürnberger Club der toten Dichter hätte Hoffenheim an diesem Samstag in arge Verlegenheit gebracht. Selbst das Traumtor des gebürtigen Kraichgauers Christian Eichner nach einer zerstreuten, uninspirierten und Fehler strotzenden halben Stunde entspringt nicht wie so oft einer der für dieses Ensemble sonst so typischen Kombinationen. Der Führung geht ein ungenauer Freistoß von Kapitän Sejad Salihovic voraus. Dessen schlampige Hereingabe flippert nach einem Abwehrschlag vor die Gelbfüße von Christian Eichner. Der im nahen Sinsheim geborene Außenverteidiger jagt das arme Ding mit Mut, Wut und perfekter Schusstechnik aus über 32 Metern in den entfernten Nürnberger Torwinkel (34.). Auch wenn es ein Volltreffer der Marke „Augen zu und durch“ (Eichner) war: Allemal ein Traumtor, als wären „Ostern und Weihnachten an einem Tag“, wie der smarte Kunstschütze nach dem Spiel resümierte.

Es sind die entscheidenden Minuten. Kurz danach luchst TSG-Innenminister Marvin Compper dem blassen FCN-Star Marek Mintal geschickt den Ball ab. Seinen chirurgisch präzisen Steilpass nimmt Vedad Ibisevic elegant mit, vernascht Nürnbergs weißen Wolf wie ein Opferlamm und hat die alte Klasse, den Vieraugen-Termin mit Torwart Raphael Schäfer gefühlskalt mit einem scharfen Schlenzer ins lange Eck zu beenden (38.). Mit diesem Doppelschlag-Polster hätte man erwarten können, dass die Blauen nun endlich zur gewohnten Ball-, Pass- und Kombinationssicherheit finden. Zumal der Aufsteiger eher wie ein Absteiger auftritt. Zu erschreckenden spieltechnischen Limits gesellt sich ein angesichts der prekären Tabellensituation alarmierendes Einstellungsdefizit: Hier serviert ein ehemaliger Ex-Viersternekoch keine pikant gewürzten Nürnberger Rostbratwürste, sondern einen faden Nürnberger Lebloskuchen.

Südamerikanische Futbol-Telenovela mit Gaucho Franco Zuculini in der Hauptrolle 

Doch die sonst so forschen Hoffenheimer scheinen ihren Zaubertrank in der Kabine vergessen zu haben. In der Halbzeitpause nimmt Ralf Rangnick den in seiner allzu lässigen Verspieltheit überheblich wirkenden Chinedu Obasi zu Recht aus der Partie. Er hätte auch seinen Kapitän Sejad Salihovic auswechseln können, der im gesamten Spiel weitaus mehr Fehl- als Ankommpässe produziert. Der TSG-Trainer bringt nach der Pause den erst 19jährigen argentinischen Jungnationalspieler Franco Zuculini. Und beweist damit wieder einmal seine goldene Spürnase. Denn Diego Maradonas Lieblingsschüler erweist sich als eine wirksame Investition in die nun deutlich erhöhte Dynamik und Geschwindigkeit des Hoffenheimer Aufbau- und Offensivspiels. Der junge Mann ist nämlich nicht nur ein Tangotänzer mit dem Ball. Er kann auch kämpfen wie ein Gaucho,  rennen wie ein Pampas-Pferd und schießen wie weiland sein Landsmann, Comandante Che Guevara.

All diese Tugenden deutet Franco Zuculini bei seinem ersten 45 Minuten-Auftritt in der ausverkauften Rhein-Neckar-Arena an. In der 64. Minute eine delikate Mischung aus Samba und Tango: Die südamerikanische Futbol-Telenovela über Regisseur Carlos Eduardo und Copacobana-Dribbler Maicosuel schließt Franco Zuculini mit einem wohl überlegten Flachschuss ins Eck ab. Die attraktive brasilianische Deutschlehrerin mit dem trefflichen  Namen Raquel Rosa-Zembrod dürfte auf der Tribüne ihre Freude an den gelehrigen Eliteschülern gehabt haben.

Nach diesem furiosen dritten Treffer wabert die Welle durch das von der milden Herbstsonne durchflutete Stadion. Und die Südtribüne intoniert voller Inbrunst den unausrottbaren Klassiker aller Fans: „Oh, wie ist das schön!“ In der Tat: Sowas – nämlich ein so dürftiges Heimspiel der TSG Hoffenheim - hat man lange nicht gesehen. Aber die Tore – vor allem das des Kraichgauers Christian Eichner – waren das Eintrittsgeld mehr als wert. Und das Ergebnis stimmt -  auch weil die Null steht. 1899 Hoffenheim kann sich auf einen goldenen Herbst freuen. Dem 1. FC Nürnberg hingegen droht eine lange dunkle Winterzeit.

Joseph Weisbrod

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