Sinsheim. (jw) Die unterm Tribünendach der hypermodernen Rhein-Neckar-Arena installierten Wärmekameras hatten an diesem Sonntagabend Hochkonjunktur. Die von ihnen erfassten und an Computer übertragenen Bewegungen der Spieler auf dem Feld liefern den professionellen Spielanalytikern jede Menge Datenmaterial. Tracking nennt man sowas: die Standortverfolgung der Akteure mit allen Hightech-Mitteln. Doch zum Glück sind wir Zuschauer keine Datenverarbeiter, sondern – wie beim höchsten Hoffenheimer Bundesligasieg gegen Hertha BSC – mal stille, mal laute, doch stets begeisterte Genießer. Auch ohne Technologie erkennen fast 30.000 Menschen mit bloßen Augen, dass die faszinierenden Bewegungsabläufe dieses Fußballfestes am Wahlsonntag vor allem in der Berliner Hälfte stattfinden.
Schon nach drei Minuten die ersten Hochrechnungen im Stadion. Da führt Hoffenheim durch zwei wunderbare Tore von Publikumsliebling Vedad Ibisevic – mit einer Volleyabnahme nach Vorlage von Chinedu Obasi und einem Kopfballtorpedo nach einer Ecke von Carlos Eduardo - bereits mit 2:0. Wie wird nach diesem furiosen Blitzstart wohl das Endergebnis lauten? Nach 21 Minuten vollendet der wiedergeborene Torjäger aus Bosnien seinen Hattrick. Und wie! Es war die Ode an die Schönheit des Fußballs schlechthin. Carlos Eduardos weiter Diagonalpass tranchiert die Hertha-Abwehr wie ein Kalbsfilet. Adressat Sejad Salihovic flankt volley quer durch den Strafraum auf Andreas Beck. Der flankt wiederum volley Richtung Elfmeterpunkt. Dorthin startet Vedad Ibisevic und köpft entschlossen ein.
Bereits nach knapp einem süffigen Viertele der Spielzeit hat 1899 Hoffenheim das vom Ex- Berliner Josip Simunic prophezeite Endresultat herausgeschossen. Zum, aus dem heißen Mannheimer Herbst 2008, geliebten rasanten Spiel mit und ohne Ball kommt in der neuen Saison eine abgeklärte Defensivqualität auf Bundesliga-Topniveau - vor allem verkörpert vom mit der Ruhe einer tibetanischen Gebetsmühle ausgestatteten Josip Simunic und dem in dieser einseitigen Partie allerdings völlig unterforderten Ex-Nationaltorwart Timo Hildebrand.
Überhaupt Joe Simunic: Die wenigen Berliner Angriffe und Zweikämpfe mit seinen Ex-Kollegen meistert der Abwehrchef fast im Alleingang mit chirurgisch präzisen, fairen Tacklings und gescheiten Pässen in die Aufbauabteilung. Aber auch im Mittelfeld und auf den Außenbahnen – mit Andreas Beck und dem Sulzfelder Christian Eichner - ist die TSG 1899 überdurchschnittlich besetzt. Und das Sturmtrio verschmilzt immer mehr zur Reinkarnation des Trio Infernale mit dem furchteinflößenden Kürzel „OBasib“ (Obasi, Ba, Ibisevic).
Zu den wenigen Hertha-Spielern, die so etwas wie Rückgrat und Gegenwehr zeigen, gehören der Altberliner Pal Dardai im zentralen defensiven Mittelfeld und auf der Zehnerposition der geschmeidige Brasilianer Raffael. Der schafft es kurz vor der Pause tatsächlich, gleich vier Hoffenheimer schwindlig zu spielen. Einen halben Meter vor der Strafraumgrenze wird der Sambatechniker von Andreas Beck taktisch gefoult. Der TSG-Verteidiger sieht dafür die an diesem Wahlabend weit verbreitete Farbe gelb. Und Raffael? Zaubert den Freistoß via Innenpfosten ins Hoffenheimer Tor. Timo Hildebrand hat das Nach-Sehen.
Hoffenheim legt nach dem Wiederanpfiff gegen die technisch lahm liegende S-Bahn aus Berlin (mit dem DB-Logo) los wie ein Transrapid. Einen erneuten Präzisions-Eckball des brasilianischen Voodo-Fußballers Carlos Eduardo wuchtet Demba Ba mit der Stirn ins Berliner Netzwerk. FIFA-Schiedsrichter Peter Sippel erkennt den Treffer wegen angeblicher Torwartbehinderung zu Unrecht nicht an.
Doch die TSG lässt sich nicht beirren, verhindert mit Tausendfüßler-Pressing eine Berliner Renaissance beim Spielaufbau und agiert weiter unverdrossen, aber cool und durchdacht nach vorne. Dieses offensive Dauerpressing führt auch zum 4:1. Luiz Gustavo, Meister der friedlichen Balleroberung, blockt wieder einmal einen Berliner Pass. Die Kugel flippert vor die Füße von Chinedu Obasi. Der leichtfüßige Nigerianer fackelt nicht lange und trifft mit einem satten Flachschuss zum 4:1 ins lange Eck (58.).
Ein paar Minuten später Hoffenheims Fünfte: Vedad Ibisevic bittet im Strafraum zum Tanz. Gegenspieler Marc Stein fummelt ihm mit den Füßen ungeschickt zwischen den Beinen herum. Ibisevic fällt. Carlos Eduardo verwandelt den Strafstoß nervenlos zum 5:1 (63.). Kurz darauf darf Matchwinner Vedad Ibisevic bei seiner Auswechslung den hymnischen Beifall und die Standing Ovations der ihm huldigenden Massen genießen (67.). Trotz des Torjäger-Verlustes skandieren die glückseligen Fans in der Südkurve: „Einer geht noch, einer geht noch rein.“. Und sind keineswegs sauer, dass es mit dem halben Dutzend doch nicht mehr klappt. Insofern haben die Hoffenheimer nur ein Wahlziel verpasst: Noch mehr Netto vom hohen Chancenbrutto hätte die absolute Mehrheit der Spielanteile noch deutlicher, aber auch brutaler ausgedrückt.
Im „Besuch der alten Dame“ zeigt Friedrich Dürrenmatt auf groteske Weise, dass Geld die Welt regiert. Für die Fußballwelt gilt dies allemal. Nur zieht in der tragischen Komödie mit der 117 Jahre alten Dame Hertha in der Hauptrolle nicht der alte Klassenkampf-Slogan: Ihr (Hoffenheimer) da oben, wir (Berliner) da unten. Denn wirtschaftlich und sportlich betrachtet, müsste der Haupstadtclub mit seinem Metropolen-Potenzial ganz andere Optionen haben als der kleine Kraichgau-Verein aus der 3000-Seelengemeinde Hoffenheim.
Bei allen Treueschwüren zu Dürrenmatts Schweizer Landsmann Lucien Favre: Der Erfolgscoach der vergangenen Saison wird die Woche nach diesem Fiasko in der kurpfälzischen Provinz so wenig überleben wie so mancher sozialdemokratische Alphawolf die historische Wahlschlappe der ehemaligen Volkspartei SPD. Lucien Favres resignativer Abgesang nach der Niederlage in Hoffenheim: „Ich möchte zu diesem Spiel eigentlich nichts sagen. In der Kabine war es sehr still, es gab nichts zu sagen.“ Es könnten die letzten „nichts sagenden“ Worte des Schweizers als Cheftrainer von Hertha BSC Berlin gewesen sein.
Joseph Weisbrod / fotos: RICCI |