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Spitze der Concord 1899 zeigt nach oben

Hoffenheim (1899). Die TSG Hoffenheim wickelt die Zeche Bochum mit 3:0 ab und (zwischen)landet auf Platz 5.

Einer der klügsten Fußballautoren deutscher Sprache widmet das erste Kapitel seines neuen Buches „Die Fußball-Matrix – Auf der Suche nach dem perfekten Spiel“ dem Hoffenheimer „Fußballwunder in der Provinz.“ Darin fragt Christoph Biermann im Rückblick auf die Saison 08/09: „Stand in Hoffenheim wirklich eine große Strategie dahinter, oder bestand sie einfach darin, möglichst viele neue Dinge auszuprobieren?“

Ralf Rangnick probiert auch gegen Bochum etwas so Neues aus, dass es nicht einmal Hoffenheims Per Nilsson, immerhin Kapitän in Reserve, zu wissen schien. Nach den beiden sieglosen Heimspielen gegen Bayern München und Schalke 04 nimmt das einheimische Reserve- und Betreuerteam überraschend auf der bisherigen Gästebank Platz und kommt damit auch der Nestwärme aus der Südkurve näher. Nilsson, der alt gediente Schwede, steuert jedenfalls sichtlich irritiert die zunächst gewohnte, nach acht Monaten Rhein-Neckar-Arena plötzlich falsche Richtung an.

Auf dem Platz hingegen haben die Hoffenheimer keinerlei Orientierungsprobleme. Ihr eingespeichertes Navisystem signalisiert ihnen sofort die Richtung und das Fahrtziel - das gegnerische Tor. Genau ein halbes Jahr nach der 0:3-Heimschlappe gegen den VfL Bochum erleben die 29.500 Zuschauer in der Rhein-Neckar-Arena die Reinkarnation einer ganz anderen TSG 1899 Hoffenheim. Und auch – im negativen Sinne - einen ganz anderen slowakischen Nationalspieler Stanislaw Sestak. Der dreifache Torschütze vom Ostersamstag leidet unter der Isolationshaft unter der Leitung von Chefwächter Josip Simunic, sowie mangelnden Streicheleinheiten aus dem eigenen Mittelfeld und wird von VfL-Coach Marcel Koller eine Viertelstunde vor dem Ende aus dem Hoffenheimer Strafvollzug entlassen.

Nach einem ersten gefährlichen Targeting-Versuch von Carlos Eduardo (7.) schlägt es erstmals im Schacht der nahezu still gelegten Zeche Bochum ein. 16. Minute: Nach einem hanebüchenen Irrläufer des VfL-Verteidigers Marc Pfertzel, der den Bibelspruch „Sie trugen seltsame Gewänder und irrten ziellos umher“, allzu wörtlich nimmt, streichelt Sejad Salihovic dem in den Strafraum gestarteten Andreas Ibertsberger gefühlvoll den Ball in den Lauf. Der auch kreativ erstaunlich bewanderte Österreicher legt quer auf Vedad Ibisevic, dem der Ball mehr oder weniger freiwillig in Richtung Demba Ba entspringt. Dieser, schon an die Schwaben verloren geglaubte Sohn des Fanclubs „Demba Bären“, schlenzt den Ball aus der Nahdistanz schnippisch ins linke Eck.

Während das Bochumer „Spiel“ so fade und uninspiriert wirkt wie der Bundestagswahl-kampf, ziehen die Kraichgauer ihr variables, durchaus kopfgesteuertes Rasenschach auf, ohne Höchsttempo zu gehen. Eine zentrale Figur in diesem System spielt der erstmals in dieser Saison von Beginn eingesetzte Luiz Gustavo. Der Brasilianer auf der Sechser- bis Achterposition erobert nicht nur serienweise Bälle durch kluges Antizipieren und filigrane Tacklings. Er kann ein Spiel auch aus der Empfangshalle mit lasergenauen Pässen gestalten. Ein Typ wie die lebende Milan-Legende Paolo Maldini, der dank seines einzigartigen Stellungsspiels und seiner feinen Technik auch fast ohne Grätschen und Fouls auskam und gleichzeitig die Spielentwicklung befruchtete.

Während TSG-Kapitän Sejad Salihovic - mit seinem exquisiten Freistoß-Tor zur WM 2010, der Held von Bosnien - seine Pass- und  Schusstechnik nicht immer präzise einsetzt, läuft der Brasilianer Carlos Eduardo mit zunehmender Spieldauer zur Hochform auf. Der Zehner von Fußballgottes Gnaden ist es auch, der nach einem furiosen Soloritt in der 36. Minute den guten VfL-Zerberus Philipp Heerwagen auf eine schwere Reaktionsprüfung stellt. Zwei Minuten später bleibt Bochums Bester auch gegen den flink durchgetanzten Chinedu Obasi Sieger.

Wie trügerisch eine drückende Überlegenheit bei einer so knappen Führung sein kann, zeigen die ihre Entwicklungsabteilung konsequent bestreikenden selbst ernannten Malocher aus dem tiefen Westen. 45. Minute: Wie aus dem Nichts zieht der Bochumer Wackelkandidat Marc Pfertzel in der rechten Viererkette aus 25 Metern plötzlich ab. Sein Geschoss kraichgaut gegen die Unterkante der Latte. Der vom Fanblock mit „Timo für Deutschland“-Rufen umschmeichelte TSG-Torwart Timo Hildebrand, der sich wohl die eine oder andere ABM-Maßnahme durch den gegnerischen Arbeitgeber gewünscht hätte, konnte diesem Überraschungsei nur hinterher schauen.

Kurz nach dem Wiederanpfiff schickt Zampano Carlos Eduardo nach einem Marathondribbling durch die Bochumer Hälfte seinen Stürmer Vedad Ibisevic. Der Bosnier macht zwar fast alles richtig. Sein Flachschuss aus vollem Lauf zischt aber höhnisch am linken Pfosten vorbei (47.). Dabei hätten die Zuschauer wohl keinem ihrer Lieblinge das erste Saisontor so gegönnt wie dem einst so unheimlich treffsicheren, aber auch unheimlich sympathischen Topgunner des Jahres 2008. Aber der an sich Glaubende wird sein Goethe-Syndrom („Hier steh’ ich  nun frei vor dem Tor und bin so klug als wie zuvor“) überwinden und bald wieder treffen.

Symptomatisch für das verzagte Erscheinungsbild der Bochumer (Trainer Marcel Koller: „Wir hatten keine Torchancen und waren viel zu offen“) war der Auftritt eines einst hoffnungsvollen Nationalspielers mit Vornamen Paul. Doch der scheint sich auf Freiers Füßen derzeit nicht sehr wohlzufühlen. Auch verbal ist er nach dem Spiel nicht wirklich gut drauf: „Es ist schwer, für unsere Leistung Worte zu finden.“ Lobende sind es jedenfalls nicht.

Der nigerianische Adler Chinedu Obasi fliegt und stößt wieder zu. Nach einem anmutigen Sinkflug durch die Bochumer Niederungen entscheidet der Supertechniker mit einem präzisen Flachschuss ins lange Eck die einseitige Partie (58.). Während der VfL weder wirklich zu wollen noch zu können scheint, macht die TSG 1899 endgültig alles klar. Sejad Salihovic zirkelt einen Freistoß mit viel Schnitt Richtung langen Pfosten. Dort verwandelt der elegante Innenverteidiger Marvin Compper im Stile des Modells "Ibisevic 08" volley zum 3:0-Endstand.

Im Gefühl des sicheren Sieges gibt Trainer Ralf Rangnick nun auch der Jugend eine Chance. Vor allem der mit Boris Vukcevic eingewechselte designierte argentinische Wunderknabe Franco Zuculini (beide Jahrgang 1990) macht in den kurzen sechs Minuten seines Bundesliga-Schnupperkurses einen ebenso viel versprechenden Eindruck wie sein Fußball aus der Bonboniera (Pralinenschachtel) verheißender Name.

Dass die TSG 1899 Hoffenheim das Ergebnis vom 11. April am 12. September so exakt kontert, hat fast schon symbolischen Charakter. Während der Kurs damals eher nach unten zeigte, stimmt der Blick über die A 6 auf das nahe Technikmuseum wieder mit der Erwartungshaltung überein. Wie die Nasenspitzen der beiden einstigen Überflieger Concorde und Tupolew zeigt die Leistungskurve der TSG 1899 Hoffenheim wieder kühn nach oben. 

Christoph Biermann analysiert in seinem Hoffenheim-Kapitel unter der Überschrift „Der neue Weg zum Sieg“ im Stile eines Wirtschaftsjournalisten: „Dem Team von Trainer Ralf Rangnick gelang, was in der Finanzwelt Outperformance oder auch Overperformance genannt wird. Es war besser als der Markt, in diesem Fall als die Konkurrenz in der Bundesliga“.

Vielleicht ist die TSG 1899 Hoffenheim ja wieder auf einem guten Wege, zumindest besser als der größte Teil ihrer Wettbewerber zu werden. Jedenfalls setzen die Kraichgau-Brasilianer wieder um, was Sport- und Nachwuchsdirektor Bernhard Peters in seinem „ Führungsbuch“ zur Maxime erhoben hat: Siegen lernen! Die erste Lohnabrechnung: Tabellenplatz 5.

Joseph Weisbrod
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