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1899 geht im Baden-Derby fast baden


SC Freiburg beim 1:1 gegen laue TSG 1899 auf der Siegerstraße nur von Simunic gestoppt

Sinsheim. Die Arena der Träume ist zur Arena der Schäume geworden. Auch gegen den Gast aus dem Süden Badens und der Bundesligatabelle scheinen die Hoffenheimer einen Nichtangriffspakt mit sich selber geschlossen zu haben. Und so entpuppt sich das badische Derby als eine Ausverkaufs-Veranstaltung, die von einem Spielverderber-Ausschuss entworfen wurde. Allerdings kann man das bescheidene Niveau nicht dem SC Freiburg anlasten. Denn die Breisgauer traten mit der Faust des Abstiegsgespenstes im Nacken „sehr gut organisiert“ (Trainer Robin Dutt) und fast im Sinne von Dramen-Coach William Shakespeare (1564 - 1616) auf, der da forderte: „Folgt Eurem Mut und stürmt!“. Am Ende mag man dem jungen SC-Torvorlagengeber Johannes Flum gerne recht geben: „ Es war ein sehr diszipliniertes Spiel von uns, aber das Gegentor war sehr ärgerlich. Für mich war das Remis eine gefühlte Niederlage.“ 

Hoffenheim knüpft hingegen an seine konstant schlechten Heimleistungen nahtlos an: Osterhasenfußball ohne jegliche Inbrunst, Sicherheitspässe nach hinten und Fehler beim Aufbau nach vorne. Die TSG 1899 lässt wie schon bei den letzten Sonntagspartien jegliche Angriffslust vermissen und spielt – im Vergleich zum Tempopressing aus längst vergangenen seligen Mannheimer Feiertagen – eine Art moderat beschleunigten Zeitlupenfußball.

SC-Torvorbereiter Johannes Flum: „Für mich war das Remis eine gefühlte Niederlage.“ 

Den ersten dicken Bock in diesem Sonntagsspiel schießt jedoch ausgerechnet Freiburgs auf-rechter Anführer und Kapitän Heiko Butscher. Sein hanebüchener Ballverlust verhilft Vedad Ibisevic zu einer Großchance, die der TSG-Gunner geradezu unverschämt verschwendet. Anstatt frei vor Freiburgs vorzüglichem Torwart Simon Pouplin auf den mutterseelenalleinigen Carlos Eduardo zu passen, versucht Ibisevic es mit einem ebenso egomanischen wie unplatzierten Schuss. Soviel Egoismus darf sich nicht einmal ein Torjäger erlauben. Ralf Rangnick strafte den Geldfüßler aus Bosnien in der Halbzeit auch mit dessen frühzeitiger Auswechslung ab.

Der SC war taktisch, technisch und läuferisch mit Hoffenheim durchaus  auf Augenhöhe – und kämpferisch darüber. Und hat im ersten Durchgang seinerseits zwei prächtige Torchancen. Doch Cedric Madiaki vergibt doppelt, davon einmal aus bester Position nach einem von mehreren Harakiri-Bällen des völlig indisponierten Innenverteidigers Marvin Compper (31.). SC-Trainer Robin Dutt versucht es mit dem „Mainzer Modell“: Eine kompakte Abwehr, ein laufstarkes, technisch beschlagenes Mittelfeld und gezielte Steilpässe auf den trickreichen Stürmerschlacks Mohamadou Idrissou, der – ähnlich wie FSV-Angreifer Aristide Bancé  - sich und den Ball im Nahkampf clever behaupten kann.

Als der insgesamt überzeugende Schiedsrichter Dr. Herbert Fleischer zur Pause pfeift, pfeifen sich auch gefühlte 27.000 von den 30.150 Zuschauern die geschundene Seele aus dem Leib. Nach dem Wechsel bringt Ralf Rangnkick mit Prince Tagoe für den unglückseligen Vedad Ibisevic und Boris Vukcevic für den - in der ersten Halbzeit - Stolper-Dribbler Maicousel zwei neue Offensivkräfte. Doch während der junge Boris einmal mehr kämpft wie einst sein Vornamensvetter in Wimbledon, wirkte der schwarze Mann aus Ghana wie ein Kraichgauer auf Touri-Safari in Namibia.

Typisch für (oster)hasenfüßigen TSG-„Angriff“: Abwehrchef Simunic markiert Ausgleich

Hoffenheims Luiz Gustavo, phasenweise der wirkungsvollste und eleganteste Sechser in der Bundesliga, verbucht zwar den ersten gefährlichen Fernschuss auf die nahezu unbelastete Freiburger Beziehungskiste nach der Pause. Der filigrane Brasilianer bereitet mit einem fata-len Fehlpass aber auch den Freiburger Führungstreffer vor. Der effizient arbeitende Johannes Flum zieht ab. Timo Hildebrand lässt die Kugel Ball fallen wie eine heiße Kartoffel. Flum tippt den Abpraller geistesgegenwärtig nach innen auf Idrissou. Und der lässt sich solche Abstaubmöglichkeiten in aller Regel nicht entgehen (64.).

Der Tabellenelfte investiert nun etwas mehr Leidenschaft und Jagdfieber. Symptomatisch für den Auftritt der TSG-Offensivabteilung ist allerdings der Autor des Ausgleichs. 80. Minute: Carlos Eduardo, der neben grellen Lichtblicken auch immer wieder seine phlegmatische Schattenseite zeigt, passt in seiner stärksten Szene in den Lauf von Abwehrchef Josip Simunic. Der kroatische Nationalspieler schiebt den Ball mit der inneren Ruhe eines buddhistischen Mönches am ohnmächtigen SC-Franzosen Simon Pouplin vorbei ins Eck.

Der glückliche Gleichstand in einem Derby, von dem der im Kraichgau geborene badische Revolutionär Friedrich Hecker sich wohl bartraufend abgewendet hätte: Eine badische Fußballrevolution sieht jedenfalls anders aus. Apropos badisch: Statt eine Mannschaft aus drei Kontinenten (Afrika, Südamerika, Balkan) aufs Feld zu schicken, sollte es die TSG-Scoutingabteilung vielleicht eher mit einheimischen Spielern versuchen. Zumindest den kernigen Urbadener Christian Eichner hätte Ralf Rangnick bringen können, ja müssen.

Auch im Niemandsland der Tabelle geht es noch um etwas: Die Gunst der Zuschauer!

Ehre hingegen, wem Ehre gebührt: Mit diesem Punkt, aus dem auch ein wichtiger Dreisamer hätte werden können,  hat der SC Freiburg sich immerhin auf den Relegationsplatz (16) vorgeschoben. Wenn die Breisgauer nun zuhause im Abstiegsduell gegen den VFL Bochum gewinnen, kann es auch in der nächsten Saison zu einem – hoffentlich besseren – badischen Derby in der schmucken Rhein-Neckar-Arena kommen. Und dann klappt es wohl auch besser mit dem Chorgeist beim gemeinsam gesungenen „Badner Lied“.

Die FAS (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) titelte in ihrem Vorbericht: „Phantasialand ist ausgebrannt“. Falsch an dieser Headline ist, dass die Rhein-Neckar-Arena nie ein Phantasialand war. Nur zwei Siege in den vergangenen 14 Bundesliga-Begegnungen heimste Hoffenheim ein. Nur der SC Freiburg hat in diesem Jahr weniger Liga-Treffer (jetzt sieben) als Hoffenheim (jetzt acht) erzielt.

Dabei sollten die Hoffenheimer trotz nunmehr wohl gesicherten Klassenerhalts endlich reali-sieren, dass es auch im Niemandsland der Tabelle doch noch um etwas geht: Nämlich Werbung in eigener Sache zu machen für die nächste Saison. So mancher Dauerkarten-Inhaber wird sich nach den konstant enttäuschenden Heimleistungen fragen, ob er das sich automatisch verlängernde Abonnement nicht bis zur Deadline am 15. Mai 2010 kündigen sollte.

Joseph Weisbrod

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